Bericht Stuttgarter Zeitung vom 20. Dezember 2002

Eine Holländerin spielt die Christine Daaé im "Phantom der Oper"

Janine ist immer die Jüngste


Von Jürgen Brand


Selten sind sich Kritiker bei einer Musicaldarstellerin so einig gewesen. "Sie spielt die Hin- und Hergerissene grandios und glänzt bei ihrer ersten Hauptrolle in Deutschland", schrieb die "Rheinische Post" über Janine Kitzen. Der Kritiker der Stuttgarter Zeitung sah in ihr die "herausragende Stimme des Abends, hell, klar, schlank und scheinbar mühelos sang sie ihre Partie". Die Holländerin spielt im "Phantom der Oper" die gesanglich relativ anspruchsvolle weibliche Hauptrolle. Es ist die bisher größte Rolle der erst 24-Jährigen - und ihr erstes Engagement relativ weit weg von zu hhause.
Eine Erfahrung macht Janine Kitzen immer wieder: die Jüngste zu sein. Das war an der Musikhochschule so, bei ihrem Einstieg in die Musicalwelt in Holland und jetzt als Hauptdarstellerin in Stuttgart wieder. Das ist nicht immer einfach. Weil sie auch noch das Sternzeichen Fisch hat (1. März), macht sie sich oft ein paar Gedanken zu viel.
Aufgewachsen ist Janine Kitzen in Kerkrade, nahe der deutschen Grenze. Schon als Kind hat sie zu Hause immer gesungen. "Das war für mich ganz intensiv." Schon mit acht Jahren sang sie in Kirchen, mit 14 wurde sie in ihrer Heimatregion regelmäßig als Sängerin für kirchliche Trauungen engagiert, sang in Chören mit und gab Konzerte.
Ihre Familie ist wenig musikalisch, die Mutter arbeitete bis vor kurzem als Krankenschwester, ihr Vater ist Lehrer und unterrichtet Sport, Wirtschaft und Holländisch. Aber ihre Eltern unterstützten früh ihre Liebe zur Musik, zum Beispiel durch Klavierunterricht. "In der Schule wurde ich immer gefragt, was ich später einmal machen möchte", erzählt die Holländerin. "Ich habe immer gesagt: Ich möchte singen. Dann wurde mir immer gesagt, das sei doch kein Beruf, ich solle mir etwas anderes überlegen. Aber mir fiel nichts anderes ein."
Mit 17 sang sie für die Aufnahme in die Musikhochschule in Maastricht vor, wurde in eine Vorbereitungsklasse aufgenommen und begann anschließend das Studium dort. "Ich war mit Abstand die Jüngste dort. Und alles war auf einmal ganz anders." Urplötzlich war sie in der Welt der angehenden Künstlerinnen, in der jede von einer großen Karriere träumte, Zusammenarbeit fast ausgeschlossen war und jede nur für sich selbst arbeitete. Da vermisste sie ihre Freundinnen aus Schulzeiten, zu denen sie heute noch engen Kontakt hält, zum ersten Mal.

An der Musikhochschule wurde Janine Kitzen in klassischem Gesang und Klavier ausgebildet, dazu kam ein bisschen klassisches Schauspiel und viel Musiktheorie. Neben dem Studium stand sie immer auch auf der Bühne. 1996 als Bastienne in der Mozart-Oper "Bastian und Bastienne", später mit dem Limburger Barock Consort und als Mitglied der Gruppe Luxus, mit der sie auch eine CD mit Robert-Stolz-Liedern einspielte. 1998 gewann sie einen Gesangswettbewerb des holländischen Fernsehens.
"Das Phantom der Oper" war das erste Musical, das Janine Kitzen in ihrem Leben sah. Die Rolle der Christine war von dem Moment an ihre Traumrolle, die sie irgendwann einmal singen wollte. 1999 wurde sie als Zweitbesetzung für die Antwerpener "Phantom"-Produktion engagiert. Dafür unterbrach sie sogar ein Jahr lang ihr Studium, das sie anschließend, 2001, mit Auszeichnung abschloss. Danach ließ sie sich in der Musikhochschule Tilburg ein Jahr lang in Musicalgesang, Drama, klassischem Ballett, Jazz-, Tap- und Streetdance ausbilden."Das Musical, das kam so", sagt die Sopranistin. Die Rolle der Christine liegt ihr, sie singe es ganz leicht, weil die Kompositionen genau im Bereich ihrer Stimme lägen. Pop und Rock lägen ihr dagegen überhaupt nicht. Sie kann sich auch vorstellen, in einigen Jahren wieder ganz ins klassische Fach zurück zu kehren.
Der Umzug nach Stuttgart war für die junge Holländerin eine große Umstellung. Erstmals waren ihre Freunde relativ weit weg, was sich prompt in stundenlangen Telefongesprächen und entsprechend hohen Telefonrechnungen niederschlug. Auch ihre andere Lieblingsbeschäftigung, das Einkaufen, schont den Geldbeutel nicht gerade.
Über Weihnachten fährt sie erst einmal nach Hause. Seit der Premiere am 1. November ist das ihre erste längere Auszeit vom "Phantom", sieht man einmal von dem Kurzausflug zur "Titanic"-Premiere vor knapp zwei Wochen nach Hamburg ab. Ihr guter Vorsatz für das neue Jahr: weniger telefonieren, und sich dafür mehr dem Leben in Stuttgart widmen.


Blond und stimmgewaltig -
Janine Kitzen hat die Kritiker beeindruckt



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